Das kleine Herz auf dem Fußballplatz

„Der Vormittag scheint heute gar kein Ende zu nehmen“, stöhnt das kleine Herz. Es wartet sehnsüchtig darauf, dass die Kinder aus der Schule kommen, denn dann dauert es nicht mehr lange bis zum Training von Marco. Das kleine Herz ist den ganzen Tag sehr aufgeregt, denn heute Nachmittag wird es seinen zweiten Ausflug in die große Welt machen. Es wird sich heimlich mit auf den Fußballplatz schleichen und Marco beim Sport zusehen. Papa Herz lächelt: „Du bist ganz schön ungeduldig! Immerhin warst du schon mal außerhalb des Hauses! Du hast schon viel mehr von der Außenwelt gesehen, als deine Mama und ich!“ Das kleine Herz grinst: „Stimmt, ich war ja schon im Kindergarten. Aber weil es dort so schön war, bin ich ganz gespannt, wie es heute wird!“ „Psst, ich höre den Schlüssel im Türschloss. Marco, Lukas und die Mutter kommen nach Hause“, warnt Mama Herz.


Als Marco anfängt, sich für das Training umzuziehen, verabschiedet sich das kleine Herz von seinen Eltern und kriecht in den Sportrucksack. Mama Herz steckt noch eine warme Mütze von Lukas mit in den Rucksack, damit das kleine Herz sich darin verstecken kann. „Mit der Mütze sieht man dich nicht so schnell. Außerdem hast du doch erzählt, dass es draußen so kalt ist“, flüstert Mama Herz und winkt zum Abschied. Das kleine Herz nickt dankbar, denn auf dem Fahrrad war es wirklich furchtbar kalt.

Die Minuten ziehen sich hin wie eine Ewigkeit. Doch dann schnappt Marco sich den Rucksack mit dem kleinen Herz darin und setzt ihn auf den Rücken. Er verabschiedet sich zu Hause und fährt gut gelaunt mit dem Fahrrad zu seinem Freund. Gemeinsam geht es dann weiter bis zum Stadion. Das kleine Herz kann hören, wie die beiden sich Witze erzählen und von ihren Pausen in der Schule berichten. Denn dort spielen sie auch immer Fußball. Stolz sagen sie dem anderen, was sie in der Pause für tolle Tore geschossen haben und das sie gleich beim Training hoffentlich in der gleichen Mannschaft sind. Denn dann spielen sie am liebsten.

 

Das kleine Herz ist ganz aufgeregt, als es merkt, dass Marco den Rucksack abgenommen hat. „Das heißt dann wohl, dass ich am Ziel angekommen bin“, denkt das kleine Herz und schaut vorsichtig aus dem Rucksack heraus. Es sieht viele Kinder in Marco’s Alter, die alle zusammen trainieren. Sie haben Spaß, zeigen sich ihre Tricks und geben sich gegenseitig Anerkennung. Das spornt die Kinder natürlich sehr an und sie versuchen immer mehr Tricks aus. Das kleine Herz beobachtet 90 Minuten die begeisterten und glücklichen Kinder auf dem Fußballplatz. „Da habe ich Mama und Papa aber gleich jede Menge positives zu erzählen“, denkt das kleine Herz und kuschelt sich zufrieden in Lukas‘ Mütze ein.

 

Nach dem Training fährt Marco mit seinem Freund wieder nach Hause. Sie erzählen sich von ihrer guten Leistung beim Training und freuen sich über ihre Tore. „Jetzt bringt Marco richtig gute Laune mit nach Hause“, denkt das kleine Herz. Aber erstaunlicherweise schlägt die Stimmung zu Hause direkt um. „Wie war es beim Fußball?“, fragt der Vater. „Gut“, entgegnet Marco. „Hast du ein Tor geschossen?“, möchte Ida wissen. „Kann sein“, antwortet ihr Bruder genervt. Als Lukas ihn etwas fragt, reagiert Marco sehr laut: „Was wollt ihr eigentlich alle von mir! Das Training war gut und ich gehe jetzt duschen.“ Er knallt die Tür und stapft nach oben. „Was hat er denn?“, fragt die Mutter. „Keine Ahnung. Er hat die schlechte Laune vom Sportplatz mit nach Hause gebracht“, sagt der Vater.

 

Das kleine Herz sitzt ganz erschrocken im Rucksack, denn bis vorhin hatte Marco doch noch beste Laune. „Was ist passiert? Ich werde mich jetzt erst mal zu Papa und Mama schleichen und denen vom Nachmittag erzählen“, denkt es.

 

Papa und Mama Herz haben den Streit und das Türen knallen natürlich auch gehört und sind ganz gespannt, was das kleine Herz ihnen zu berichten hat. „Wieso hat Marco denn so schlechte Laune? War das Training nicht gut?“, fragt Papa Herz. „Ganz im Gegenteil. Es wurde viel gelacht. Die Jungs haben die ganze Zeit gepowert und sind immer hinter dem Ball her gerannt. Jeder hat sich mit jedem gefreut, wenn etwas gelungen ist. Marco hat ein paar Tore geschossen. Es war total schön, ihm zuzusehen“, schwärmt das kleine Herz. „Das klingt doch erst mal sehr positiv!“, sagt Mama Herz. „Das war es auch. Und außerdem ist Marco noch die Hälfte des Weges mit seinem Freund nach Hause gefahren. Auch da hatte er gute Laune. Erst als er in die Wohnung gekommen ist, wurde er wütend“, berichtet das kleine Herz. „Hmmm, komisch. Vielleicht braucht er einfach ein wenig Ruhe für sich. Aber durch die vielen Fragen hat er sich bedrängt gefühlt“, meint Papa Herz. „Gut möglich“, stimmt Mama Herz zu.

 

„Mir ist heute ein ganz wichtiger Punkt beim Training aufgefallen“, sagt das kleine Herz. „Und zwar hat es allen Kindern gut getan, wenn sich die anderen mit ihnen gefreut haben. Zum Beispiel bei Marco. Er hat ein super Tor direkt unter die Latte geschossen. Dafür hat er ein großes Lob vom Trainer und ganz viel Schulterklopfen von seinen Mitspielern bekommen. Das hat sein Lächeln im Gesicht noch breiter werden lassen!“ „Sich mit anderen über etwas tolles freuen! Das ist wirklich sehr wichtig für gute Laune“, sagt Mama Herz. „Dadurch wird die eigene Leistung noch wertvoller für einen“, stimmt Papa Herz zu. „Aber im Prinzip hat Ida doch auch nur gefragt, ob Marco Tore geschossen hat“, überlegt das kleine Herz. „Das ist richtig. Aber Marco hatte wahrscheinlich keine Lust die Tore zu beschreiben. Und daher war er so genervt“, antwortet Mama Herz. „Aber wieso kann man die gute Laune von einem anderen Ort nicht so gut mit nach Hause nehmen?“, fragt sich Papa Herz. „Weil die Menschen zu Hause nicht das gleiche Erlebnis hatten. Und somit die Freude nicht so gut teilen können“, erwidert Mama Herz. „Marco wollte wahrscheinlich ganz in Ruhe seine Freude genießen und nicht ausgefragt werden“, fügt das kleine Herz hinzu.

„Das heißt, das die Menschen lernen müssen, wann jemand für sich sein möchte und nicht ausgefragt werden will. Wenn Marco vom Training erzählen möchte, dann wird er es spätestens beim Abendessen machen“, meint Mama Herz. „Das ist aber auch schwer zu verstehen“, meint das kleine Herz. „Ich hatte nämlich auch gedacht, dass Marco seine gute Laune direkt mit nach Hause bringt und auf die anderen überträgt.“ „Aber jetzt wissen wir, warum die Laune bei ihm umgeschlagen ist. Und damit haben wir auch schon die nächste Aufgabe für die kommende Nacht. Den Menschen zeigen, dass man nach einem schönen Erlebnis erst mal ein wenig Zeit für sich braucht, um es zu verarbeiten“, sagt Papa Herz. „Und wenn man es verarbeitet hat, möchte man es sicherlich auch teilen“, fügt das kleine Herz hinzu.

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